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  • Zwei Altartafeln in Madrid und deren Namen
  • Die Stifterfigur und Johannes der Täufer im linken Altarbild
  • Rechter Altarflügel mit einer Darstellung der heiligen Barbara
  • Vermutungen zum verloren MittelteilHeinrich von Werl
  • Literaturhinweise


Abbildung 1: Die beiden Bilder des Werler-Altars

Abbildung 1: Die beiden Bilder des Werler-Altars


Als meine Söhne 1995 an ihrem Computer einen Internet-Anschluss installierten, wurde meine Neugierde durch verblüffend schnelle, exakte und mir genügende Ergebnisse bei der Recherche zu allgemeinen Fragen geweckt. Nach dem Suchen von Telefonnummern und Anschriften gab ich eines Tages in eine Suchmaschine „Werl“ ein. Ich erhielt damals nur wenige Antworten. Aber eine Homepage erregte mein Interesse: Werler Altarpieces in the Museo de Prado at Madrid.

Meine ersten Überlegungen waren: „Wie kommt ein Altar aus Werl in ein so renommiertes und weltweit bekanntes Museum? Wo hatte dieser Altar in Werl gestanden?“ In „Geschichte der Stadt Werl“ (F. J. Mehler, 1891) fand ich keine Antwort. Die Existenz des Altares war einigen Werler Heimatkundigen bekannt. Schon in den 60er Jahren hat Preising auf ihn hingewiesen. Der von mir angesprochene Leiter der Werler Westfalenpost-Redaktion, Ralf Rensmann, zeigte sofort Interesse und verfasste am 24. Dezember 1996 zu diesem Thema einen Bericht in der Westfalenpost. Meine Neugierde wurde aber nicht befriedigt. Trotz stetig weiterer Suche in vorhandener Literatur, bei deren Beschaffung mir die Stadtbücherei und Herr Deisting, Leiter des Archivs der Stadt Werl, wertvolle Hilfe leisteten, ergab sich mir ein leider bis heute noch nicht vollständiges Bild. Die bisher gewonnen Ergebnisse möchte ich hier weitergeben, mit der Anregung zum Ergänzen, Vervollständigen und - wenn nötig - zum Korrigieren.

Im Museo de Prado nehmen neben den Abteilungen spanischer und italienischer Malerei die niederländischen und flämischen Sammlungen aus dem frühen 15. Jahrhundert einen hervorgehobenen Platz ein. Die altniederländische Abteilung umfasst dort sowohl flämische als auch holländische Werke, da es bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts keine Unterscheidung dieser Schulen gab. Durch die aus dem frühen Mittelalter bestehenden Bindungen, Handelsbeziehungen (Wollhandel) und Kontakte Spaniens zu den Ländern entlang der Nordseeküste, insbesondere zu Flandern, erwarb Spanien einen ungeheuren Reichtum an flämischen Kunstwerken. Über ganz Spanien verteilt befinden sich viele Gemälde in den königlichen Schlössern, in Kathedralen und Klöstern. Die wichtigsten, herausragenden Teile dieses Vermächtnisses der flämischen Malerei von der Gotik bis zum Barock finden sich in den Sammlungen des Prado. Sie vermitteln einen breit gefächerten Überblick über die Vielfalt und den künstlerischen Reichtum dieser wohl bedeutendsten nationalen Schule.

Unter den ausgestellten Werken finden dabei zwei Tafelbilder im Saal der Königin Isabella mit den Inventarnummern 1513 und 1514 besonderes Interesse und rege Aufmerksamkeit. Diese beiden Bilder haben die Abmessungen 101 x 47 cm und sind auf Eichenholz gemalt. Deren erhaltene Malkanten auf den Vorderseiten beweisen, dass es sich um unbeschnittene Bildflächen handelt. Im Jahr 1827 kamen sie aus dem königlichen Palast von Aranjuez als Stiftung aus der Sammlung Karls des IV. in den Prado und zählen hier seit dieser Zeit zu den immer wieder hervorgehobenen Ausstellungsstücken. Nach Bermejo, 1980, S.86; wurden die Altarflügel vom spanischen König Karl IV. (1788-1808) erworben. Möglicherweise befand sich der komplette Altar aber bereits unter Philipp II. (1556-1598) in Aranjuez (Pieper 1954; Jansen 1984).

Bei den beiden Tafeln handelt es sich offensichtlich um die Innenseiten der Flügel eines Triptychons, dessen Mittelteil verschollen ist. Die Darstellungen dieser Vorderseiten sprechen dafür, dass es sich um den rechten und linken Flügel eines Altares handelt.

So zeigt das rechte Flügelbild einen Teil eines Zimmers, vor dessen brennendem Kamin die heilige Barbara lesend auf einer Bank sitzt. Die Rückseite ist mit grauer Farbe deckend überstrichen, doch zeichnen sich darunter mehrere runde Formen ab. So schreibt Hugo von Tschudi 1898: „Es seien noch Spuren von Zeichnungen und Farben zu sehen. Recht deutlich erkennbar zeichnen sich zwei runde Heiligenscheine wie zu einer sitzenden größeren und zu einer kleineren Figur gehörig ab, als wie zu einer Madonna mit einem Kind auf dem Schoß gehörend“. In neuesten Röntgenaufnahmen des Prado (s. Garrido, 1996 Abb. 10 und 11) erkennt man unter einer grauen Farbschicht drei Nimben, die sich, wie Kemperding in, Der Meister von Flémalle schreibt, als „Anna Selbdritt“ zu erkennen geben.

Die zweite Tafel zeigt einen Raum, in dem ein Franziskaner vor einer offenen Tür kniet; hinter ihm steht Johannes der Täufer. Auf der Rückseite dieser zweiten Tafel ist durch Parkettierung (Versteifung und Verfestigung der Eichentafel) die vorhandene Bemalung nicht mehr sichtbar. Im Röntgenbild erkennt man jedoch die Reste einer vermutlich verworfenen, schon teilweise ausgeführten Komposition, die in der Mitte eine detaillierte Landschaft und rechts zwei große hohe Gebilde zeigt.

Der Erhaltungszustand der Malerei der beiden Bilder ist unterschiedlich. So scheint der Barbaraflügel etwas besser erhalten, jedoch etwas gelblicher getönt zu sein, als der des Johannes, vermutlich aufgrund älterer und unterschiedlicher Firnisschichten. Doch auf dem Gesicht des Johannes, auf dessen Oberschenkel, auf der Bretterwand sowie in der Inschrift zeigen sich einige retuschierte sichtbare Beschädigungen.

Lange Zeit glaubte man, dass diese beiden Bilder von einem der Gebrüder van Eyck oder einem Nachfolger oder Schüler, z.B. Rogier van der Weyden gemalt wurden. Tschudi jedoch wies sie dem Werk des Meisters von Flémalle (Robert Campin) zu. Dieses wird bestätigt durch den Katalogeintrag des Prado. Dort werden die Tafeln Robert Campin aus Tournai zugeschrieben. Erst 1898 wurde Campin von Hugo Tschudi als "Meister von Flémalle" (benannt nach drei aus der Abtei Flémalle bei Lüttich stammenden Tafeln) entdeckt. Robert Campin wurde in den Jahren zwischen 1375 und 1378 in Tournai geboren. Zwischen 1426-1428 stellte er vier Gehilfen ein, darunter Rogelet de la Pasture, der als Rogier van der Weyden Berühmtheit erlangte, und Jacques Darret, die beide seine Werkstatt 1432 als Meister verließen. Aufgrund des gemeinschaftlichen Werkstattbetriebs u.a. mit Rogier van der Weyden und des Fehlens von Signaturen ist eine eindeutige Zuordnung einzelner Werke sehr schwierig. Robert Campin starb 1444 in Tournai. Dieser Maler gehört zu den kunsthistorisch am wenigsten erforschten Künstlern des beginnenden 15. Jahrhunderts.

Jedoch neigen die beiden Autoren Hans Belting und Christiane Kruse dazu, den Werler Altar in ihrem 1994 erschienenen kunsthistorischen Werk „Die Erfindung des Gemäldes: das erste Jahrhundert der niederländischen Malerei“ Rogier van Weyden  zuzuschreiben.Die Autorschaft der oben vorgestellten Altarbilder im Prado ließ sich mit absoluter Gewissheit nicht klären, da es sich bei der Zuschreibung auf Robert Campin oder dessen Werkstatt um nicht eindeutig gesicherte, wenn auch sehr einleuchtende Erkenntnisse, Nachforschungen und Untersuchungen handelt. So schreibt José Antonio de Urbina in seinem Buch: Museen der Welt, Der Prado in Madrid, 1988: „Obwohl der Altar lange Zeit als eigenständiges Werk Robert Campins, des Lehrers von Rogier van der Weyden, galt, sieht man in ihm heute meist ein Pasticcio eines Nachfolgers.“ Dem gegenüber ist die Authentizität des Stifters in der Gestalt des andächtig, anbetend knienden Franziskaners im linken Altarflügel gesichert.


Am unteren Bildrand täuscht die Malerei einen Steinsockel, wie eine Schwelle zu dem schmalen, tonnengewölbten Raum, vor. Entlang der Bildunterkante befindet sich, wie in einer gemeißelten Widmung, die Inschrift:


Anno milleno c quater x ter et octo. hic fecit effigiem (…) depingi(?) minister hinricus Werlis mgr (magister) coloniensis.“  So wird die Inschrift von meist allen Autoren gelesen, s. z.B. Jansen, 1984, S.9; die Abkürzungen wurden aufgelöst.

Die Übersetzung lautet, wie auch Belting und Kruse sie verstehen so: „Im Jahre 1438 ließ der Minister Heinrich von Werl, Magister in Köln, hier (auf diesem Flügel) sein Bildnis malen“.

Vom Namen des Stifters der beiden Altartafeln also erhielten diese ihre Bezeichnung und haben darunter weltweit Eingang in die Kunstgeschichte und deren Literatur gefunden. Sie gehören mit anderen im Prado ausgestellten Werken der niederländischen und flämischen Malerei, wie man im Katalog des Prado dazu lesen kann, zu den wertvollsten und am meisten geschätzten Kunstwerken der Welt.

The Werl Altarpiece, left wing depicts the donator Heinrich von Werl, theologian from Cologne, head of the Minorite Order, with St. John the Baptist, the right wing St. Barbara. (Linker Flügel des Werl-Altares: Johannes der Täufer mit dem Stifter Heinrich von Werl, Theologe aus Köln, Provinzial des Minoritenordens. Rechter Flügel des Werl-Altares: hl. Barbara.)

Der als Stifter im linken Altarflügel dargestellte Heinrich von Werl war Angehöriger des Minoritenordens und ist dargestellt in einem für die Franziskaner entsprechenden Habit: Braune Kutte, welche von einem weißen, geknoteten und in einer Quaste endenden Strick gegürtet wird. An dem nackten Fuß ist eine dicksohlige schwarze Sandale zu erkennen, ferner trägt er eine breite über die Schultern gelegte Kapuze und ein das Haar verdeckendes dunkles Käppchen.

Zu diesem Habit mag so recht der Kopf nicht passen. Spuren von Armut und Not scheinen nicht sein Gesicht geprägt zu haben. Ein rundes, bartloses Gesicht, kleine, tiefgebettete, blinzelnde Äugelchen, die mit den hochgestellten Brauen und dem in Falten gezogenen Kinn einen erwartungsvoll gespannten Ausdruck haben. Durch die Infrarotreflektorgraphie wird deutlich, dass dieses Gesicht ursprünglich etwas tiefer vorgezeichnet und schon in Farbe ausgeführt war. Ein weiteres Paar Augen mit Iris und Pupille wird in Höhe der jetzigen Wangenknochen sichtbar. Die längliche, fleischige Nase ist gewöhnlich, der Mund wohlgeformt. Die gutgenährten Wangen und das Grübchen im Doppelkinn entbehren nicht einer vergeistigten Belebung. Man möchte viel mehr auf einen feingebildeten tiefsinnigen Herrn schließen als auf einen Bettelmönch. In voller Lebensfülle, in der Kraft seines Mannesalters und doch voller malerischer Weichheit kniet der Mönch vor einer Tür. Seine feingliedrigen Hände sind andächtig zum Gebet gefaltet. Sein Blick geht durch eine Türöffnung, wobei seine Augen, als seien sie geblendet,  halb geschlossen sind, in Richtung des verschwundenen Altarmittelteils, zu einem der Anbetung, der Verehrung oder der Andacht geeigneten Geschehen (einige Kunsthistoriker vermuten dort eine Mariendarstellung). Diese Bilderfindung wird allgemein, als eine unverkennbare Idee von Robert Campin, diesem zugeschrieben, jedoch die Ausführung von manchen Historikern  Rogier van der Weyden zugedacht.

Hinter dem Stifter steht Johannes der Täufer, mit einem energischen bärtigen Antlitz und wild gelocktem Haar. Neben Jesus und Maria ist Johannes der einzige, dessen Geburtstag in der Kirche gefeiert wird, woran seine besondere heilsgeschichtliche Bedeutung sichtbar wird. Sein Hinweisen auf den Erlöser ist wohl der Grund, warum sich das alte keltische Sonnenwendfest (24.Juni), der Tag des Sieges der Sonne und des Lichtes über Dunkelheit und Tod, geeignet erwies, um als Johannestag christlich überformt zu werden. Johannes- oder Sonnenwendfeuer werden weithin an diesem Tag abgebrannt. Mancherorts werden Brunnen und Quellen besonders geschmückt. Ein "Feuersegen" findet sich im deutschen Benediktionale der katholischen Kirche. Dem Johanniskraut, das um diese Jahreszeit blüht, schrieb man Abwehreigenschaften gegen Geister und Teufel zu.  Die wesentlichen Attribute von Johannes sind: Fellgewand, Spruchband "Ecce Agnus Dei", Lamm. Er gilt als Patron vieler Quellen und Brunnen, Bäcker, Zimmerleute, Schmiede, Hirten, Bauern, der Lämmer und Haustiere.

Abbildung 2: Die rechte Hand des Johannes

Abbildung 2: Die rechte Hand des Johannes
 Ein krasser Gegensatz zu dem glatten rosigen Gesicht des Minoriten. Johannes trägt ein grauviolettes Untergewand, das die barfüßigen Beine bis zur halben Schenkelhöhe nackt lässt, darüber einen blassroten, ponchoartig faltigen Überwurf, dessen Faltenhöhungen durch weißliche Lichter hervorgehoben werden. In der von dem Überwurf bedeckten linken Hand trägt er ein durch Schnallen verschlossenes Buch, auf dem ein Lamm ruht. Die rechte Hand ist erhoben und weist mit einer behutsamen Geste auf das Lamm Gottes in seiner Linken und auf die Darstellungen des Mittelteils hin. (siehe Abbildung 2).

Heinrich kniet in einem ungewöhnlichen Raum vor einer Tür, zu der Stufen hinaufführen. Die halbrunde hölzerne tonnenförmige Deckenwölbung ist nur gestützt von zwei einfachen, jedoch handwerklich ordentlich gefertigten Trägern. Der Raum ist durch eine mannshohe hölzerne Trennwand ohne Tür in zwei Teile geteilt, die jeweils nur von den Stirnseiten zu betreten sind. An der dem Betrachter gegenüberliegenden Wand befindet sich hängend ein steinernes Madonnenbild mit Jesuskind. Mariens Kind wird von der Deckenkonstruktion überschnitten, womit der Maler darauf angespielt haben könnte, dass im Mittelteil Maria und Kind nicht aus Stein, sondern lebendig anwesend sind. Der Fluchtpunkt des ganzen Raumes ist nach rechts verlegt. Auffällig: die Linien der Bodenplatten, der Fenster, der Decke fluchten in ganz verschiedene Punkte.


Abbildung 3: „Das Mérode-Triptychon“ Robert Campin ca. 1422/1430


Abbildung 3: „Das Mérode-Triptychon“ Robert Campin ca. 1422/1430Eine dem Werl-Altar ähnliche Bildkomposition von Robert Campin finden wir im „Mérode-Triptychon“. Dort sehen wir im linken Flügel das andachtsvoll kniende Stifterehepaar, mit Blick auf den Mittelteil, eine Verkündigung. Auf dem rechten Altarbild ist der heilige Josef in einer Schreinerwerkstatt dargestellt. Betrachtet man die vielen Ähnlichkeiten im Bildaufbau dieser zwei Altäre, muss man auf den gleichen Ursprung, zumindest aber auf die gleiche Bildfindungsidee schließen (siehe Abbildung 3).

Vier Wappen sind in den rautenförmig verbleiten Scheiben der oberen Fensteröffnungen eingesetzt. Das erste hat einen silbernen Querbalken mit Sternen in Gold, in dem oberen Feld einen schwarzen schreitenden Löwen. Das zweite zeigt einen geviertelten Schild, zwei Felder mit steigenden Löwen, Schwarz in Gold, die zwei anderen Felder Rot. Drei silberne Schilde in Blau hat das dritte Wappen und das vierte einen schwarzen Adler in Gold. Welche Bedeutung diese Wappen für die Komposition des Bildes oder als Zeichen für die Stiftung oder den Maler haben konnten, ließ sich leider noch nicht klären. Die Minoriten und deren Klöster waren nicht Wappen führend, also kommt eine Zuordnung zum Orden nicht in Frage. Nur das dritte Wappen ist zu identifizieren; es war in den Niederlanden als Zunftzeichen für die Malergilden geläufig.

An die Vorderseite des Verschlags lehnt sich eine Holzbank an, die mit blauem Tuch und einem gleichfarbigen Kissen bedeckt ist. In dem darüber befindlichen Konvexspiegel sehen wir das vordere Fenster und die Reflexion von Johannes und Heinrich in der Rückansicht. Außerdem sieht man den rückwärtigen Teil des Raumes gespiegelt, ähnlich wie bei Jan van Eycks „ Arnolfini-Verlobung“. In unserm Bild aber wird eine geöffnete Tür, durch die ein Franziskaner mit brauner, gegürteter Kutte eintritt, begleitet von einem ähnlich gekleideten Knaben sichtbar. Daraus schließen verschiedene Autoren, dass der Altar nicht nur von einem Franziskaner gestiftet, sondern auch für eine Franziskanerkirche bestimmt war. Da Heinrich von Werl seit ca. 1430 hauptsächlich mit Köln verbunden war, scheint eine Aufstellung in der dortigen Minoritenkirche nahe liegend. Unter ihren Altären wird 1314 ein Altar des Johannes Baptista und 1357 ein Barbara-Altar bezeugt. 1645 erwähnt Gelenius in einer Inventarisierung eine berühmte Barbarareliquie, aber nicht den Werler Altar. Jedoch kämen auch noch andere Franziskanerkirchen der Kölner Ordensprovinz als Aufstellungsplatz in Frage.

Abbildung 4: Blick aus dem Fenster Beim Blick aus dem Fenster erschaut man ein grünes Wiesenstück, begrenzt von einer rötlich schimmernden Mauer mit Zinnenkranz. Auf der Straße einen Reiter auf einem Schimmel im roten Gewand, eine Burg mit Kirche und in der verblauenden Ferne ein Schnee bedecktes Gebirge (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: Blick aus dem Fenster


Diese Tafel zeigt die heilige Barbara, auf einer Holzbank sitzend, die mit einem roten Tuch und einem roten Kissen bedeckt ist. Sie liest aufmerksam in einem Buch, das sie mit beiden Händen frei vor sich hält. Ihren Kopf hat sie  etwas zur Seite geneigt, und ihr feines, hübsches Gesicht ist von lockigem, frei fallendem Haar umrahmt. Die leicht geöffneten Lippen scheinen sich zu bewegen. Ihr weiter grüner Mantel - bei einer Mariendarstellung würde dieser von blauer Farbe sein- gibt den Blick auf ein blaues Obergewand und einen kostbaren Brokatrock frei. Hinter ihr lodert in einem elegant geschwungenen Kamin ein lustiges Feuer aus Holzscheiten und verleiht der Bank einen rötlichen Schein. In der Kanne und Schüssel aus Messing auf dem gotischen Stollenschrank spiegelt sich der schmiedeeiserne Kaminständer wider. Darüber hängt von einer Rolle von oben ein Handtuch herab, das einen doppelten Schatten wirft. Auf einem niedrigen Hocker steht eine Zinnkanne mit einer blauvioletten Schwertlilie, Zeichen ihrer Reinheit und Jungfräulichkeit. Vor dem Kaminmantel, der zur Holzdecke aufsteigt, ist eine Statue der dreieinigen Gottheit in Form eines Gnadenstuhls angebracht. Gottvater hält den Gekreuzigten vor sich.

Durch das geöffnete Fenster sieht man eine Landschaft, die sich  den Farben im linken Flügel angleicht. Zwei Frauen mit langen Schleppen - eine rot, eine blau gekleidet - folgen einem Mann.. Ein Schimmelreiter trabt weiter vorn auf einer Straße. In der Ferne erkennt man über einem Hügel die Türme einer Stadt. Weiße Wolken schweben über einem imaginären Bergzug, der den Horizont abschließt. Ein Turm wird errichtet. Mit Hilfe eines Kranes winden Arbeiter Steinblöcke herauf, und andere sind unterhalb des Turmes mit Arbeiten beschäftigt (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Blick aus dem Fenster der Barbaratafel


Abbildung 5: Blick aus dem Fenster der BarbaratafelDieser Turm gilt als eines der wichtigsten Attribute für die Identität der hl. Barbara. Sie war vielleicht eine Märtyrerin, aber historisch  keine bezeugte Person; sie ist dennoch eine der bekanntesten christlichen Heiligen. Schon frühzeitig wurde Barbara Mittelpunkt religiöser Verehrung. In Deutschland ist sie eines der drei Heiligen Madln. Zahlreiche Volksbräuche zeigen ihre Verehrung. Aufgrund des Blitzschlages gegen ihren Vater wurde sie mit dem Blitz in Verbindung gebracht; bei Stürmen und Gewitter werden Gebete an sie gerichtet. Zweige, die an ihrem Gedenktag (4. Dezember) als "Barbarazweige" von Apfel- oder Kirschbäumen abgeschnitten und ins Wasser gestellt werden, blühen zu Weihnachten. Die Knappen im Bergwerk erhielten am Barbaratag das sie vor Unheil schützende "Barbaralicht". Im Rheinland ist Barbara die Begleiterin des Nikolaus und beschert die Kinder. Seit 1969 ist der Barbaratag wie alle Gedenktage von rein legendarischen Gestalten nicht mehr im Festkalender der katholischen Kirche aufgeführt. Sie gilt vielerorts als Patronin der Türme, Festungsbauten, der Bergleute, Bauern, Architekten, Metzger, Köche, Glockengießer und Artilleristen, der Mädchen, für eine gute Todesstunde, gegen Gewitter und Feuersgefahren.


Die Frage, wie dieser möglicherweise ausgesehen hat, führt zu allerlei Spekulationen. Da Johannes der Täufer in der Rangfolge der Heiligen in vorderster Reihe steht, mag man davon ausgehen, dass im verschwundenen Mittelteil nur eine Steigerung möglich ist durch die Darstellung Mariens oder Gottes selbst in einer der drei Personen. In der Literatur neigen mehrere Kunsthistoriker dazu, Maria als zentrale Figur in der Mitteltafel zu sehen. Es gibt dazu verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen, in die auch drei berühmte westfälische Altäre einbezogen wurden: der Schöppinger Altar von 1455 mit der Verkündigung, der 1945 in Berlin verbrannte vor 1457 entstandene Soest-Altar mit der Anbetung des Jesuskindes und einer Verkündigungsdarstellung des um 1475 tätigen Meisters von Liesborn, sowie der 1457 vollendete Marienfelder-Altar des Johann Koerbecke. Diese führten bisher jedoch noch nicht zu eindeutigen Ergebnissen.

Für eine Krippendarstellung oder die Verkündigung Mariens in dem verlorenen Mittelteil spricht die Darstellung von Johannes dem Täufer, dessen Geburtstag genau sechs Monate vor Christi Geburt am 24. Juni gefeiert wird. Seine ungewöhnliche Handhaltung (der Daumen des Täufers zeigt auf das Lamm auf seinem Arm und die übrigen Finger weisen auf die geöffnete Tür) könnte bedeuten: dort ist Christus zu sehen („nach Joh. 1,29: Seht das Lamm Gottes.“) Dann dürfte man auf der Mitteltafel eine Darstellung Marias mit Jesuskind vermuten. Das wird bestätigt durch den ursprünglichen Entwurf: Anstelle von Buch und Lamm hatte der Künstler darin ein aufgeschlagenes Buch im Arm des Johannes gemalt (van Asperen de Boer u.a. 1992). 

Abbildung 6: Maria mit Kind, Heiligen und Stiftern (Zeichnung nach einem oder für ein Werk Campins) , Paris , Louvre, Cabinet des Dessins Im Pariser Louvre befindet sich eine Zeichnung, die Campin zugeschrieben wird, welche eventuell eine Vorlageidee zu dem Werl-Triptychon oder eine Kopie danach sein könnte (Sonkes1969).
Abbildung 6: Maria mit Kind, Heiligen und Stiftern (Zeichnung nach einem oder für ein Werk Campins) , Paris , Louvre, Cabinet des Dessins Diese Zeichnung zeigt Maria mit Jesuskind unter einem Baldachin, von Heiligen (Katharina, Magdalena und Josef?) und andachtsvoll kniendem Stifter (Franziskaner) flankiert, in einem Innenraum.

Abbildung 6: Maria mit Kind, Heiligen und Stiftern (Zeichnung nach einem oder für ein Werk Campins) , Paris , Louvre, Cabinet des Dessins

Der tonnengewölbte Deckenabschluss, sowie der als Hirte (oder hl. Josef?) dargestellte Heilige, die Wappendarstellungen über den Türen, die hinter der Stifterfigur knienden jugendlichen Franziskaner, der Faltenwurf am Habit des knienden Franziskaners, sowie dessen zum Gebet gefalteten Hände, zeigen im Vergleich eine große inhaltliche Verwandtschaft, Nähe und sogar Ähnlichkeit zu dem linken  Flügel des Werl-Altars mit dem Stifter Heinrich von Werl (siehe Abbildung 6). Die in der Zeichnung dargestellten Personen sind noch anonym, schematisch und skizzenhaft, aber schon durch Gestik und Mimik in ein geschlossenes, abgerundetes, andachtsvolles Szenario gestellt, wie in einer Vorlage zu einem Vorschlag gehörend. Durchaus denkbar wären daran Veränderungen, die dann vom Stifter angeregt und bestellt, zum Werler Altar wurden: In dem rechten Flügel durch die Einzeldarstellung der heiligen Barbara, in dem linken durch die Hinzufügung von Johannes dem Täufer hinter der Stifterfigur und die Reflexion der jugendlichen Franziskaner im Rundspiegel. Barbara wird in eine feinbürgerliche Stube, mit einem eleganten mittelalterlichen Ambiente, der Stifter mit Johannes jedoch in eine schlichte, klösterliche Zelle versetzt. Indem er Maria mit dem Kind thronend unter einen Baldachin in die Mitte nimmt, ist es dem Maler möglich, eine bildliche sowie inhaltliche Steigerung zu erzielen. Gehe ich von der Richtigkeit dieser Überlegung aus, könnte das fehlende Mittelstück, eine Darstellung von Maria mit dem Jesuskind sein.

Dazu möchte ich eine mögliche Rekonstruktion zeigen: Die beiden vorhandenen Bildtafeln aus dem Prado rechts und links, in der Mitte ein Ausschnitt aus der der Zeichnung im Louvre (siehe Abbildung 7).

Abbildung 7: Versuch einer Rekonstruktion des Werl-Altares

Abbildung 7: Versuch einer Rekonstruktion des Werl-Altares

Auch in dem Barbara-Flügel vermag ich einen Zusammenhang zu einer Geburtsszene zu sehen, denn Kirsch -und Apfelzweige, in Wasser gestellt, blühen am Heiligen Abend.


Die Recherchen zu den beiden Werler Altarbildern waren zu Beginn recht viel versprechend, mit Ausnahme des absoluten Beweises der Autorschaft Campins. Durch die Fortschritte war ich ermutigt, auch mehr über Heinrich von Werl zu erfahren. Doch meine ersten Versuche drohten zu scheitern. Wo sollte ich anfangen? Im Internet? Fehlanzeige! Bei den Minoriten und Franziskanern? Auch von dort erhielt ich nur recht dürftige Auskünfte, war doch das Archiv der Minoriten im 2. Weltkrieg zerstört worden und abhanden gekommen. Ich versuchte daraufhin in vorhandener Literatur und in den beiden Bildtafeln Anhaltspunkte zu finden. Aus vielen Einzelheiten hat sich mir dann eine Art Mosaik ergeben, das leider noch einige Lücken aufweist.

Meine erste Fundstelle war die Deutsche biographische Enzyklopädie, in der ich folgendes fand: „Heinrich von Werl, Franziskaner, Theologe, * um 1400 Werl (Westfalen), + 10.04. 1463 Osnabrück. H. trat in Osnabrück in den Orden der Franziskaner ein und wurde 1430 an der Univ. Köln immatrikuliert, 1432 zum Provinzial der dortigen Ordensprovinz ernannt. Um 1434 wurde er zum Doktor promoviert.“

In den Matrikeln der Kölner Universität 1430 findet sich in der Immatrikulationsliste der „Frater Henricus de Weerle, O. Min. s. Theologie.“ Zu dieser Zeit war er sicherlich bereits Mitglied des Minoritenordens (Konventualen) in Köln. Dies befreite ihn aber gegen die Gewohnheit nicht von der Zahlung der Studiengebühren (Ordensmitglieder waren von diesen Zahlungen befreit). Es findet sich der Beleg von der für Laien üblichen Zahlung von sechs Weißpfennigen. -1434 promoviert Heinrich in Köln. 1434 wird er zum Provinzial der Kölner Ordensprovinz gewählt. Die Matrikel in Köln führen ihn bis zu seinem Tode 1463 als Professor der Theologie.

Wie es scheint, hat er bereits vor 1430 als Mitglied des Ordens der Minoriten dem Ordenshaus in Osnabrück angehört und in Köln in einem studium generale eine eingehende theologische Schulung erhalten. In dieser Zeit war dies eine unabdingbare Voraussetzung zum Erwerb des magisters artium zur Aufnahme des Theologiestudiums. Dieses führte dann über ein dreifach gestuftes Baccalaureat zur Zulassung als Lizentiat und dann anschließend zur Promotion. Den Mitgliedern der Ordensgemeinschaften, die über ein eigenes studium generale verfügten wie die Dominikaner und Minoriten, wurde in Köln der magister artium und die erste Stufe des Baccalaureats erlassen, da man bei diesen Personen die entsprechenden Kenntnisse durch ordenseigene Studien voraussetzte. Zum Lizentiat setzte man ein Alter von etwa 30 Jahren fest. Heinrich von Werl immatrikulierte bereits als baccalaurus sententiarius. Dieses lässt den Schluss zu, dass er sich zum Zeitpunkt seines Studiumsbeginns schon seit mehreren Jahren in dem Kölner Konvent aufgehalten hat, da die Kölner Universität ein mindestens dreijähriges studium generale verlangte.

Auch seine Wahl zum 16. Provinzial der kölnischen Provinz zeigt uns einen mehrjährigen Aufenthalt zuvor in Köln an. Sicherlich hätte man auch zu dieser Zeit nie ein „unbeschriebenes Blatt“ auf eine solch wichtige Position innerhalb und außerhalb des Ordens erhoben. Dieses Amt behielt er bis zum Jahre 1462 inne, also beinahe 30 Jahre. 1432 umfasste die Kölnische Provinz der Minoriten sieben Kustodien mit insgesamt 51 Konventen.

Für seinen Orden war Heinrich von Werl von großer Bedeutung. Schwere Zeiten der Reformbewegung des Ordens und die Pontifikate der Päpste Eugen des IV., Nikolaus des V., Kallixt des III. und Pius des II. fielen in die Zeit seines Provinzialates. 1443 wurde ihm auf dem Generalkapitel von Padua die Reform in Deutschland besonders ans Herz gelegt.

In den 30er Jahren des 15. Jahrhunderts finden wir Heinrich von Werl auf dem Konzil zu Basel, wo er die Partei Papst Eugens des IV. unter anderem durch eine ausführliche Streitschrift „Von der päpstlichen Gewalt über die ganze Kirche“ vertritt. Hierbei steht er im totalen Gegensatz zum Kölner Erzbischof Dietrich von Moers. Das Baseler Konzil tagte von 1431 bis 1449 und war das 17. der ökumenischen Konzile. Es wurde von Papst Martin den V.  (Papst von 1417–1431) einberufen. Nach dem Tod von Martin den V. bestätigte Papst Eugen der IV. (Papst von 1431–1447) die Einberufung, verlegte das Konzil jedoch 1437 nach Ferrara in Italien und 1438 nach Florenz.

Weiterhin erregte dort ein Traktat von ihm zur „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ erhebliche Aufmerksamkeit. Dieses Thema war in dieser Zeit nicht nur bei den Franziskanern von großer Aktualität. Die Beweise für seine Behauptungen waren zumeist den Worten der Heiligen Schrift, den Bestimmungen des Kanonischen Rechts und den Aussprüchen theologischer und kanonistischer Autoren entnommen. Doch erhielt er auf dem Konzil statt Beifall und Berücksichtigung lebhafte Kritik.

Bekannt sind weiterhin besonders seine Kommentare zu den Sentenzen des Petrus Lombardus sowie Erklärungen zu verschiedenen biblischen Büchern. Hoch gelobt und gerühmt wird seine Predigertätigkeit. Neben Johann von Werden und Johann von Minden bezeichnet man Heinrich als den dritten großen Prediger dieser Zeit. Trithemius nennt ihn einen „divini verbi praedicator egregius.“ Speziell wird von ihm eine Predigt über das Leiden Christi gerühmt. Ob er nach der Verlegung des Konzils von Basel nach Ferrara-Florenz weiterhin daran teilnahm, gilt als nicht gesichert.

Zusammen mit dem päpstlichen Legaten Kardinal Niccoló Albergati reiste er aber in dessen großem Gefolge im Jahre 1435 nach Arras und Tournai, um dort an den Friedensverhandlungen als Botschafter des Papstes zwischen Frankreich, Burgund und England in den Niederlanden teilzunehmen. Als Dank dafür erhielt er am 1. Dezember 1435, vom Magistrat der Stadt Tournai, eine Ehrengabe von „12 lots de vin“. Bekannt ist der gemeinsame Besuch der Städte Arras und Tournai mit Kardinal Albergati. Belegt ist dieses durch ein Dokument in den Annalen der Royale Académie de Belgique.

Als gesichert gilt auch eine Verbindung zwischen Heinrich von Werl und Robert Campin. Allein schon die Tatsache, dass die Franziskaner von Tournai dem Kölner Provinzial, also ihm unterstanden, ist ein fundiertes Indiz für diese Beziehung.

Heinrich von Werl starb am 10. April 1463 in seinem vermutlichen Heimatkonvent Osnabrück, ein Jahr, nachdem er sein Amt als Provinzial der Kölnischen Provinz abgegeben hatte. Dieses Kloster existiert nicht mehr. Seit mehreren Jahren haben sich wieder Franziskaner in einem Konvent in Osnabrück niedergelassen. Leider ist in den Archiven von Osnabrück auch nur wenig über Heinrich von Werl zu finden.

Abbildung 8: zur Urkunde vom 21. März 1344 im Archiv der Stadt Werl (Rudolf Preising Inventar des Archivs der Stadt Werl, 1971)Es ergab sich mir nun die Frage: Stammt Heinrich von Werl aus unserer Stadt Werl? Ich werde versuchen, darauf eine Antwort zu geben.Der Namensteil Werl kommt in den vorhandenen Dokumenten zu Heinrich von Werl in verschiedenen Schreibarten vor: Werla, Werle, Weerle, Verl, Verla, oder Heinrich wird kurz und einfach Werlius genannt. Lucas Wadding nennt ihn in dem 1650 in Rom erschienenen Scriptores Ordinis Minorum: Henricus Werlius, alijs Ver-Kleir.

Abbildung 8: zur Urkunde vom 21. März 1344 im Archiv der Stadt Werl (Rudolf Preising Inventar des Archivs der Stadt Werl, 1971)

Meine Nachforschungen zur Identifizierung des Namens und damit zur Herkunft des Heinrich von Werl aus unserer Stadt verliefen lange Zeit im Sande. Doch wie so oft im Leben kam mir der Zufall zur Hilfe. Nachdem ich alle mir zugänglichen Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, fragte ich einen mir gut bekannten Romanisten, wie er den Namen Ver-Kleir übersetzen oder interpretieren würde. Seine Antwort: der Wortteil Ver bedeutet Auf, Zu oder Zur; der Wortteil Kleir bedeutet Licht, Klar, Hell und im Zusammenhang mit einem Namen: Helle, Zur Helle.

Da erinnerte ich mich, im Mehler den Namen „Zur Helle“ gelesen zu haben. Schnell wurde ich wieder fündig. Auf Seite 476 unter „Vermächtnisse und Stiftungen“ ... 1344 Pfandverschreibung Johann und Lübbers von Uffeln verschrieben 3 Vorlinge (laut freundlichem Hinweis von Herrn W. Halekotte 1Vorling= ca. 1250 qm, also 3750 qm) Landes in der Mersch bei Uffeln und zu dem Hofe „tho der Helle“ gehörend, zu Gunsten der Bruderschaft St. Walburgis zu Werl“ und auf Seite 525 ist der Hinweis: „Johann und Lübbers von Uffeln verschrieben 3 Vorlinge Landes, zu dem Hofe „tho der Helle“ gehörend an die Bruderschaft St. Walburgis zu Werl.“ (Siehe Abbildung 8.) Die Stücke Land befanden sich, wie in der alten Urkunde erwiesen, in der Mersch nördlich von Uffeln: „dey lighet in der mersch bi Ufelen unde horet in dey hove, dey heytet tho der Helle...“.

Zur Mersch ist eine im Werler Osten vorhandene Straßenbezeichnung. Das Wort Mersch (Marsch) ist ursprünglich eine Bezeichnung für fruchtbares Ackerland am Rande von Flüssen, Seen oder dem Meer. Betrachtet man die geographische Lage Werls, so stellt man fest: Am Nordhang entlang des Haarstrangs befinden sich zwischen Ruhr und Lippe kaum bedeutende Bäche, Flüsse oder größere Quellgebiete. Die Ausnahmen sind die  vielen Süß- und Salzwasserquellen in und um Werl. Durch das Gebiet der Werler Mersch fließen der Uffelbach, die Gräften des „Hofs Flerke“ und des „Hofs zur Heide“. Der Mühlenbach und der Hundsbach vereinigen sich dann kurz vor Scheidingen mit dem Salzbach aus dem Stadtgebiet von Werl, um durch die Ahse in die Lippe zu entwässern. Laut freundlichen Hinweisen von Herrn Wilhelm Halekotte haben sich in diesem Gebiet früher mehrere Teiche befunden. Außerdem sind in diesem östlichen Teil von Werl mehrere Wüstungen von Hofstellen entdeckt worden. Der Hof zur Helle konnte leider noch nicht lokalisiert werden. Durch obige Urkunde gilt es aber als sicher, dass er ehemals vorhanden gewesen ist.

Von den Herren Wilhelm Halekotte und Heinz-Josef Luig erhielt ich dazu noch folgende zusätzliche Informationen: Der Name Helle wird außerdem in zwei Urkunden des Propsteiarchivs erwähnt: Die Witwe Helle Vrowels erklärt einen Garten bei dem Uffeler Pfade versetzt zu haben. Propstei Archiv Urkunde 17 vom 17.04.1379; und in Propstei Archiv Urkunde Nr. 28 vom 03.03.1387 wird ein Johann Helle K(V)rowele bezeugt. Laut Bürgerbuch von Werl Seite 66 Nr.76 erscheint Dietherich Lobbe (Löbben) verheiratet mit Anna von Helle.

Von nicht minderer Glaubwürdigkeit ist auch die Theorie von Herrn Deisting, den Schulzenhof in FlerkeHofflerke“ in die Überlegungen um Heinrichs Herkunft mit einzuschließen: Wadding nennt Heinrich mit alias-Namen Ver-Kleir, dabei könnte es sich um eine falsch verstandene und oder im Druck falsch wiedergegebene Bezeichnung des Namens Flerke handeln. Bei dem Schulzenhof handelt es sich um ein seit dem frühen 13. Jahrhundert nachgewiesenes, von einem Wassergraben umgebenes größeres Anwesen, mit hofeigener Kapelle, das auch heute noch fast vollständig erhalten ist. Interessant ist dabei die Tatsache der offenbaren Nachbarschaft des Schulzenhofes Flerke und des noch nicht gefundenen Hofes zur Helle. Heinrich zahlt das beim Beginn seines Studiums  fällige Immatrikulationsgeld (obwohl Ordensangehörige von der Zahlung befreit waren) in bar, das war sicherlich nur jemandem mit einer so genannten besseren Herkunft möglich. Auch bei der Bestellung zum Provinzial kann man davon ausgehen, dass die Kandidaten nicht aus niederem kleinbäuerlichem Stand, sondern eher von Adel, gut bürgerlicher oder von großbäuerlicher Abstammung waren. Flerke gehörte kirchenrechtlich nicht zu Scheidingen, sondern wie auch Uffeln zum außerhalb der Stadt gelegenen Pfarrgebiet von St. Walburga Werl.

Aber ich fand noch andere Hinweise, die, wie ich meine, auf Werl als Heinrichs Geburtsort hinweisen. So sind aus meiner Sicht die in den beiden Altarbildern dargestellten Heiligen wichtige Zeugnisse für Heinrichs Ursprung.

Als erstes die heilige Barbara. Sie gilt schon seit langer Zeit als die Schutzheilige der Bergleute, zu denen auch heute noch die Sälzer zählen. Als Patronin sowohl der Sälzer, der Bauern als auch des Lichtes sollte sie dem Betrachter vielleicht einen versteckten symbolischen Hinweis auf die Herkunft Heinrichs aus der Sälzerstadt Werl und zu seiner Abstammung von dem Hofe zur Helle geben. Franz Peter Arira beschreibt vortrefflich in seiner 1950 erschienenen fiktiven Erzählung „Die weiße Frau“, im Kapitel „Die Erbsälzer“, das Sälzerfest am Michaelistag (29. September) und eine Parade der Sälzerknappen: „..., alles was mit Salz zu tun hatte, sammelte sich hier in althergebrachter Knappenuniform ….rühmte die Zucht der Knappen und ihr schmuckes Aussehen.“

Im zerstörten Bäckeraltar, der nach Hemmerde ging, befand sich eine Abbildung der heiligen Barbara neben der heiligen Katharina. Außerdem befand sich auf der rechten Seite oben ein Bildnis von Johannes dem Täufer. Die Bäckergilde Werl verehrte Johannes als zweiten Patron. Ebenso ist im Erbsälzeraltar in der Walburgiskirche Johannes zu finden. Das lässt den Schluss zu, dass die Verehrung dieser beiden Heiligen in Werl aus einer alten Tradition heraus geschah.

In der Gestalt Johannes des Täufers sehe ich einen verborgenen Hinweis zu Heinrichs alias-Namen (Ver-Kleir „Zur Helle“):  In vielen Gegenden wird Johannes der Täufer als der Patron von Brunnen, Quellen und Gewässern verehrt. In der Legende von der heiligen Barbara finden wir eine Querverbindung zu Johannes dem Täufer, in ihrer dort bezeugten Taufe durch ihn. Die Patronatsbeziehung dieser zwei Heiligen zum Licht, untereinander und zu Brunnen, Quellen, Wässern, Bauern und zum Bergbau, also zur Helle und zu den Sälzern, mag ungewollt oder rein zufällig erscheinen.

Interpretiert man den Namen Werl als ein am Wasser gelegenes Siedlungsgebiet oder als die Bezeichnung einer dort höher gelegenen Pfalz (Paul Leidinger in: Werl, Geschichte einer Stadt, Seite 61, „Die Zeit der Grafen von Werl“) und berücksichtigt die Tradition der Salzgewinnung in unserer Stadt, erkenne ich in den dargestellten Heiligen auf den Altarbildern eine symbolhafte Beziehung zu Heinrichs Heimatstadt Werl, mit seinen vielen Quellen, Wasserläufen, Teichen, Feuchtgebieten und Salinen, zum noch nicht gefundenen Hof zur Helle oder zum Schulzenhof Flerke. Außerdem war es nicht nur bei Ordensleuten üblich, sondern auch bei Personen von Wichtigkeit, zum Vornamen jeweils den Geburtsort als Herkunftsbezeichnung hinzuzufügen. Das „von“  hatte dabei nicht die Bedeutung „adelig“ zu sein, sondern sollte das „woher“ erklären.

Die Zeit des späten Mittelalters und der Umbruch zur beginnenden Neuzeit sind für die damaligen Menschen voller Mystik und Symbolik, voll des  Geheimnisvollem und Irrationalen im Glauben und in der Heiligenverehrung. Uns ist dieses Denken heute weitgehend fremd und kaum nachvollziehbar.

So sehe ich diese verschiedenartigen in den Altartafeln versteckten Bezüge als zielgerichtete, geplante und gewollte Hinweise an, die durch den Stifter der zwei Altartafeln, Heinrich von Werl, aus seinen Kenntnissen, Deutungen und seinem Glauben heraus so in Auftrag gegeben wurden.

Eventuell könnte man noch weitere Hinweise auf Heinrichs Abstammung finden, in dem fehlenden Mittelstück des Werl-Altars.

In Werl gab es zur möglichen Geburtszeit Heinrichs von Werl, ca. im Jahr 1400 (als ungefähr 30-jähriger war Heinrich Lizentiat und promovierte um 1434), keine Franziskanische Gemeinschaft. Aber es gab in Dortmund seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, in Soest seit 1233 und in Münster seit 1247 Minoritenklöster. Ebenso sind die Klöster Paderborn, Herford, Höxter, Osnabrück (sein vermutlicher Heimatkonvent) in nicht weiter Ferne von Werl zu finden. In der Klosterkirche von Soest, dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht, wird seit dem auslaufenden 13. Jahrhundert ein dem Johannes geweihter Altar bezeugt. Da die Minderbrüder auf das Almosensammeln, den Termin, angewiesen waren, hatten sie zu diesem Zwecke in benachbarten Orten so genannte Termineien, Häuser oder Räume, wo der terminierende Bruder übernachten und das Gesammelte zunächst aufbewahren konnte. Das  Soester Minoriten-Kloster teilte sich seit 1320 solch eine Terminei in Werl mit Dominikanern. Wo sich diese befand, konnte ich leider noch nicht ausmachen. Heinrich hätte demzufolge als gebürtiger Werler durchaus die Möglichkeit zu einem frühen Kontakt zu den Minoriten haben können.

Auf Grund all dieser Überlegungen und Thesen möchte ich sagen: Heinrich von Werl (alias Verkleir) ist aller Wahrscheinlichkeit nach ein Sohn unserer Stadt Werl.

Über Heinrich von Werl, für ca. 30 Jahre Kölner Provinzial des Minoritenordens und Magister der Universität Köln, „dessen Abbild zusammen mit dem eines anderen im 15. Jahrhundert dort lebenden Minoriten auf einem Sakristeifenster der dortigen Minoritenkirche abgebildet war“ (leider nicht mehr auffindbar) (Patricius Schlager 1904 in „Geschichte der Kölnischen Franziskaner-Ordensprovinz im Mittelalter“, Seite 241), der aber vor allem auf dem linken Flügel des Werler Altares dargestellt ist, schreibt Paul Pieper in seiner Kunstgeschichte Westfalens Bd. 1, Münster 2000:

„Es ist eines  des erregenden, aus minutiöser Einzelbeobachtung erwachsenen Porträts der frühen niederländischen Maler, außerdem wohl das erste Bildnis – im modernen Sinne – eines Westfalen“.

Somit finden wir in dem Alterbild im Museo de Prado wahrscheinlich das erste und älteste gemalte beinahe 600 Jahre alte Portrait eines Werlers, Heinrich von Werl.

Abbildung 9: Heinrich von Werl auf dem linken Flügel der Werler-Altar-BilderEin beachtenswerter Mann seiner Zeit, großer Wissenschaftler, Reformator, Theologe und beständiger Provinzial seines Ordens, kontrovers diskutierter Konzilsteilnehmer und Botschafter für den Frieden in einer unruhigen Epoche. Ein Mann unserer Heimatstadt, von dem wir manches wissen, aber der noch viele Rätsel offen lässt.

Abbildung 9: Heinrich von Werl auf dem linken Flügel der Werler-Altar-Bilder

Sicherlich ist es nicht möglich, in diesem Bericht ein vollständiges Bild von Heinrich zu entwerfen und die absolute Gewähr seiner Herkunft aus Werl zu belegen. Die von mir wiedergegebenen Erkenntnisse könnten und sollten ein Anreiz sein, mehr über seine Person und  den verschwundenen Mittelteil des Werler Altares in Erfahrung zu bringen. Für wen und wohin war der Altar bestimmt? Es spricht einiges dafür, dass der Werler Altar in die dem Hl. Kreuz geweihte Ordenskirche in Köln, den Amtssitz des Provinzials, gestiftet wurde. Dort besaßen auch die auf dem Werler Altar dargestellten Heiligen je einen Altar: Johannes der Täufer und die hl. Barbara (Pieper 1954, Jansen 1984). Die Frage des Verbleibs des Werl-Altares von 1438-1827 ist noch ungeklärt. Da sind noch viele Fragen unbeantwortet. Sind sie noch lösbar. Ich gebe die Hoffnung nicht auf.

An dieser Stelle möchte ich Herrn Heinrich Josef Deisting, Leiter des Werler Stadtarchivs, der mich laufend ermutigte weiter zu suchen, mir viele Anregungen, Hilfestellungen und Hinweise lieferte und mir sogar seine eigenen Recherchen zu diesem Thema zur Verfügung stellte, herzlich danken.

Danken möchte ich auch Herrn Dr. Erwin Hachmann, von dem ich die Anregung zu diesem Bericht erhielt: „Schreiben Sie ihn doch!“ Herr Dr. Hachmann setzte sich auch maßgeblich dafür ein, in den USA in einem besonderen Verfahren hergestellte Repliken der beiden Altartafeln (in original Größe) durch den „Neuer Heimat– und Geschichtsverein Werl“ für Werl anzuschaffen.


Franz Peter Arira: Die weiße Frau. Erzählungen aus der Geschichte der Stadt Werl, Werl 1950Hans Belting, Christiane Kruse: Die Erfindung des Gemäldes. Das erste Jahrhundert der niederländischen Malerei. Hirmer 1994S. Clasen: Heinrich von Werl, O. Min. in Wissenschaft und Weisheit 10/1943; 11/1944

Walram von Siegburg OFM und seine Doktorpromotion an der Kölner Universität 1430-1435. 1951

Henrici de Werla, OFM; Opera Omnia 1 Tractatus de Immaculata conceptione beatae Maria virginis. 1955

Konrad Eubel: Geschichte der Kölnischen Minoriten-Ordensprovinz, 1906

Franziskanerorden: aus dem Internet, Webseiten der Franziskaner

Karl Hengst : Westfälisches Klosterbuch. Lexikon der vor 1815 errichteten Klöster…, 1994

M.A. Hocquet: Le Maitre de Flémalle, quelques documents, Annales Académie Royale d’Archéologie de Belgique, 73/1925.

Markus Hunecke: OFM: Franziskaner in Osnabrück, Osnabrück 1994.

Dieter Jansen: Der Kölner Provinzial des Minoritenordens Heinrich von Werl, ......

Stephan Kemperding: Der Meister von Flémalle, 1977

Hermann Keussen: Die Matrikel der Universität Köln 1398-1475, 1928

Florenz Landmann: Die westfälischen Prediger aus dem Medikantenorden zu Ende des Mittelalters, Inaugural-Dissertation zur Erlangung der philosophischen Doktorwürde der königlichen Akademie in Münster 1896.

F.J. Mehler: Geschichte der Stadt Werl, 1891

Minoriten: aus dem Internet, Webseiten des Minoritenordens Österreich, Minoriten.

Paul Pieper: Zum Werl Altar des Meisters von Flémalle, im Jahrbuch 16/1954 Wallraf-Richartz-Jahrbuch.

Beiträge zur Kunstgeschichte Westfalens, Bd.1 Münster 2000.

Rudolf Preising: Inventar des Archivs der Stadt Werl, Teil 1 Urkunden, 1971

Scheidingen Geschichte eines Kirchspiels und seiner Höfe im.....

Ralf Rensmann: Westfalenpost Werl, Ausgabe vom 24.12.1996, Artikel über Heinrich von Werl und den Werler Altar

Joachim Schäfer: aus dem Internet, Webseiten des Ökumenischen Heiligenlexikons, Heilige Barbara, Heiliger Johannes der Täufer und Konzil zu Basel.

P. Schlager: Geschichte der Kölnischen Franziskaner Ordensprovinz im Mittelalter, 1904

Hugo von Tschudi: Der Meister von Flémalle, in Jahrbuch der königlich preußischen Kunstsammlung Bd. 19, Berlin 1898

Lucas Wadding: Scriptores Ordinis Minorum, Rom 1650;  Seite 169

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